Hintergrundgespräche

In regelmässigen Abständen führt das fmc mit ausgewählten Akteuren Hintergrundgespräche zu aktuellen Themen und ihrer Rolle innerhalb der Integrierten Versorgung.

Digitale Hintergrundgespräche

In regelmässigen Abständen führt das fmc mit ausgewählten Akteuren Hintergrundgespräche zu aktuellen Themen und ihrer Rolle innerhalb der Integrierten Versorgung. Aus aktuellem Anlass wurden die Hintergrundinterviews digital mittels Zoom-Konferenz durchgeführt und beschäftigen sich zudem mit den Auswirkungen der Covid-19 Pandemie (mehr zu den ersten fmc Erkenntnissen zur Covid-19 Pandemie erfahren sie hier). Zu jedem Interview ist eine Zusammenfassung abrufbar.

Transformation im Spital am Beispiel des Kantonsspitals St. Gallen (KSSG) und die Auswirkungen der Corona Pandemie auf das KSSG

Interview mit Dr. med. Daniel Germann, Direktor und Vorsitzender der Geschäftsleistung KSSK

Interviewdauer: 40 Minuten

Welche baulichen und organisatorischen Veränderungen sieht die Strategie des KSSG vor? Welche Bedeutung hat die Strategie 4 plus 5 des Spitalverbundes St. Gallen auf das KSSG? Wie hat das KSSG die Covid-19 Herausforderungen meistern können und welche Rolle nimmt das KSSG in der integrierten Versorgung ein?

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Was sind die Gründe für die Transformation des Kantonsspitals St. Gallen

Das Kantonsspital St. Gallen ist das Zentrumsspital in der Ostschweiz und es befindet sich gewissermassen in einem zweifachen Transformationsprozess. Einerseits innerhalb ihres Spitalverbundes mit den Spitälern Flawil und Rorschach, sowie andererseits mit den weiteren 3 Spitalverbunden im Kanton St. Gallen (https://www.spitalverbunde.sg.ch/).

Die Veränderungen der öffentlichen Spitallandschaft in St. Gallen haben verschiedene Gründe. Die fehlende Rentabilität (Zielvorgabe EBITDA von 10% wird nicht erreicht), die zunehmende Spezialisierung der Medizin (Verdoppelung der Zahl der Facharzttitel in den letzten 20 Jahren) und die Qualitätsvorgaben mit den minimalen Fallzahlen. Hinzu kommt die zunehmende Verlagerung in den ambulanten Bereich sowie die Verkürzung der Liegedauer, verbunden mit einem Abbau der Bettenkapazität. Diese Entwicklungen machen am Standort St. Gallen eine Transformation von einzelnen Klinikhäusern hin zu einem funktionell gebauten Spital notwendig. Der Umbau soll bis 2027 abgeschlossen sein.

Mit der vom Verwaltungsrat der Spitalverbunde vorgeschlagenen Strategie 4 plus 5 (Link) sollen darüber hinaus nachhaltige Spitalstrukturen für den ganzen Kanton St. Gallen geschaffen werden. Die Strategie sieht vor, dass neben dem Zentrumsspital in St. Gallen in Grabs, Uznach und Wil drei Mehrspartenhäuser und in Rorschach, Flawil, Wattwil, Walenstadt und Altstätten 5 Gesundheits- und Notfallzentrum betrieben werden.[1] Diese Transformation wird gemäss den internen Berechnungen aber nicht ausreichend sein. Durch die Strukturentwicklung wird ein Anstieg der EBITA-Marge von 4.2% auf 7.3% prognostiziert. Damit der geforderte Zielwert von 10% erreicht werden kann, bedarf es neben weiteren notwendigen Betriebsoptimierungen auch einen, vor allem in der Grundversicherung, kostendeckenden Tarif und die Diskussion über die Zuweisung von zusätzlichen gemeinwirtschaftlichen Leistungen, speziell für die derzeit nicht adäquat finanzierten Weiterbildungsleistungen.

Welche «Betriebsoptimierungen» sieht das KSSG vor, um auf die sich ändernden Rahmenbedingungen reagieren zu können?

Eine wichtige Massnahme ist der Umbau des KSSG und die Ausrichtung auf eine patienten-zentrierte Infrastruktur. Dies reduziert Behandlungsunterbrüche und ermöglicht eine Zentralisierung der Leistungen. Auch werden zukünftig keine persönlichen Untersuchungsräume mehr zur Verfügung stehen, sondern die interdisziplinären Räume können individuell gebucht werden. Dies erhöht die Nutzungsmöglichkeiten der bestehenden Räumlichkeiten.

Folgend dem Konzept des Lean Management wurde ein Lean Hospital Konzept erarbeitet und das Eintrittsmanagement mit den Zuweisern, das Austrittsmanagement mit den nachgelagerten Leistungserbringern und das OP- sowie Bettenmanagement entsprechend strukturiert und optimiert.

Ein grosses Potential bieten Kooperation und Kollaboration, sowohl spitalintern wie auch spitalextern. Spitalintern gilt es die Klinikautonomie neu zu definieren und zu klären, welche Kooperation möglich sind. Das Gleiche gilt für die Führungstätigkeit im ärztlichen Bereich und die Frage, was kann zukünftig gemeinsam erfolgen? Spitalextern besteht bereits ein Abstimmungsdialog mit den nachgelagerten Leistungserbringern, welcher in eine vertraglich definierte Zusammenarbeit überführt werden soll.

Die Transformation der öffentlichen St. Galler Spitäler stellt eine umfassende Strukturveränderung auf vielen Ebenen dar. Gestartet ist diese 2017. Der Abschluss ist für das Jahr 2027 geplant. Speziell die nächsten 2 bis 3 Jahre werden zeigen, inwieweit die ersten erhofften Wirkungen eintreten werden bzw. in welchen Bereichen eine Überarbeitung notwendig ist.

Der Beitrag der stationären Versorgungsstruktur zur Förderung der integrierten Versorgung.

Die stationäre Versorgung zeichnet sich durch eine hohe Spezialisierung und praktisch ein Angebot rund um die Uhr aus. Die Herausforderung dieser spezialisierten Segmentierung ist aber gleichzeitig, das Spezialwissen in die komplexe Patientenversorgung zu integrieren. Die Integration ist zeitlich aufwendig und menschlich eine Herausforderung. Der Erfolg ist abhängig von einer vertrauensvollen und anerkennenden Beziehung und einer guten Kommunikation. Es sind sowohl informelle und formelle Beziehungen zu beachten. Durch die am KSSG angesiedelte Klinik für Hausarztmedizin werden Weiterbildungsprogramm mit den regionalen Grundversorgern umgesetzt. Diese ermöglichen ein Kennenlernen und Gespräche zur Verbesserung der Zuweisungsprozesse. Auf formaler Ebene wurden im nachgelagerten Bereich erste Preferred Partnership-Verträge mit der geriatrischen Rehaklinik und der Kliniken Valenz abgeschlossen. Diese regle u. a. administrative Abstimmungsprozesse. Sie ermöglichen aber auch einen klinikübergreifenden medizinischen Austausch. So nehmen regelmässig Reha-Ärzte an Visiten im Spital teil. Spitalärzte verbringen mehrere Monate in der Rehaklinik. Dies ermöglicht ein Kennenlernen der jeweiligen Situation und schafft so die Grundlage für eine integrierte Zusammenarbeit.

Spitalintern wird versucht, über Pilotmodelle Erfahrungen zu sammeln. Eine Herausforderung stellen die Abstimmungs- und Zusammenarbeitsprozesse bei Notfalleintritten dar (ca. 50%). Um diese zu trainieren, wurde in der Olma die Notfallstation nachgebaut und mit dem Beizug von Schauspielern können die Patienten- und Behandlungsprozesse geschult und abgestimmt werden.

Covid-19: Welche Herausforderungen und welche Veränderungen hat/wird Covid-19 bewirken?

Covid-19 hat die Spitalstrukturen in vielfacher Hinsicht herausgefordert. Am Anfang war dies die richtige Beurteilung von Covid-19. Zu Beginn des Jahres wurde die Situation noch unterschätzt. Die Erfahrungen in China waren weit weg, die veröffentlichten Zahlen wurden angezweifelt. Die Erfahrungen in Norditalien und dem Tessin haben dann eher zu einer Überschätzung der Auswirkungen geführt. 6 bis 8 Woche später zeigt sich, dass die Prognosen vor allem in der Ostschweiz, auch zum Glück, nicht in dem Masse eingetreten sind.

Bereits vor Covid-19 wurde der Austausch und die Zusammenarbeit mit den regionalen Spitälern intensiviert. Auf diese konnte dann während dem Höhepunkt der Pandemie aufgebaut werden. Ein Beispiel ist das Gremium OSKI – das Ostschweizer Kompetenzzentrum für Infektiologie und Spitalhygiene oder die bereits bestehenden Preferred Partnership-Verträge mit den nachgelagerten Reha-Kliniken. Mit diesen haben alle 2 Woche Austauschsitzungen zur Bewertung und dem Umgang mit Covid-19 stattgefunden.

Covid-19 hat auf unterschiedlichen Ebenen den Nutzen der Digitalisierung aufgezeigt. Zwar bestand bereits eine erste Digitalisierungsstrategie für das KSSG. Diese war aber zum Zeitpunkt von Covid-19 noch nicht in dem erforderlichen Masse ausgearbeitet. Trotzdem entwickelten sich unterschiedliche Einzelinitiativen, z. B. in der Pneumologie. Die gesammelten Erfahrungen werden den in der Medizin eher noch rudimentären Digitalisierungsstrukturen zu einer zügigeren Entwicklung verhelfen. Videokonferenzen sowie Videokonsultationen werden zukünftig eine bedeutendere Rolle in der medizinischen Versorgung spielen. Diese Entwicklung wird auch eine vermehrte Verbreitung von Homeoffice-Modellen ermöglichen. Da die meisten Mitarbeiter gerne arbeiten und ihre Tätigkeit als sinnhaltig ansehen, ist mir einer Produktivitätsreduzierung, auch ohne zusätzlich Kontrollprozesse, nicht zu rechnen.

Was können wir aus der Covid-19 Pandemie für die Integrierte Versorgung lernen? 

Das Gesundheitswesen ist immer wieder mit Veränderungen konfrontiert. Die Strukturen erweisen sich trotzdem als sehr stabil. Es ist die Frage, ob eine höhere Dynamik nicht eine nachhaltigere Handlungsoption ist? Damit sich eine Dynamik und eine daraus entstehende Kollaboration entwickeln kann, bedarf es einen Austausch der Beteiligten und das Mittragen von gemeinsam getroffenen Entscheidungen. Die Krise hat gezeigt, dass wir zu Ad hoc Lösungen in der Lage sind. Es ist zu erwarten, dass zukünftig weitere Krise folgen werden. Aus diesem Grund müssen die verschiedenen Zusammenarbeitsformen trainiert und gelebt werden. Auch der vermehrte Einbezug von Wissensträgern mit spezifischen Fachknowhow und Sozialkompetenz sind für die Führungsstrukturen eines Spitals zukünftige wichtige zu lösende Aufgaben.

Wir danken Herrn Germann für das Hintergrundgespräch.


 

[1] Am 16. September 2020 hat der Kantonsrat dieser Strategieentwicklung im Prinzip zugestimmt Die Spitäler Flawil, Wattwil, Rorschach und Altstätten werden in eine Gesundheitszentrum umgewandelt. Das Spital Walenstadt soll mindestens noch zwei Jahre erhalten bleiben, solange die Möglichkeit für Eine Zusammenarbeit mit den Nachbarkantonen besteht – siehe Link 

Digitale Kommunikations- & Netzwerkstrukturen in der Gesundheitsversorgung heute und morgen. Auswirkungen der Corona-Krise und Impact für die nächsten Jahre?

Interview mit Prof. Dr. Andréa Belliger, Institut für Kommunikation & Führung IKF Luzern

Interviewdauer: 41 Minuten

Zu welchen Veränderungen wird die Covid-19 Pandemie führen? Was sind die wichtigsten Auswirkungen auf das Gesundheitswesen und die Integrierte Versorgung? Von welchen internationalen Erfahrungen kann die Schweiz im Hinblick auf die Förderung des technologischen und digitalen Wandels profitieren?

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Input von Frau Belliger zu den Themen Gesundheitswesen, Digitalisierung und Corona

Zum aktuellen Zeitpunkt ist es schwierig, die exakten Auswirkungen von Corona auf das Gesundheitswesen zu benennen. Aus Sicht von Frau Belliger lassen sich derzeit 6 Themenbereiche identifizieren, in denen die Covid-19 Epidemie zu Veränderungen führen wird.

· Megatrend Gesundheit
Bestehende Unzulänglichkeiten in den jeweiligen Gesundheitssystemen wurden weltweit aufgedeckt. Es zeigte sich, dass die kurzfristige Gewinnorientierung im Gesundheitswesen zu massiven negativen Auswirkungen auf die Patientenversorgung führen kann. Es ist zu erwarten, dass regionale und eher kleinere Versorgungsstrukturen zukünftig eine grössere Wertschätzung erfahren werden. Diese wird sich auch positiv auf die Gesundheitsberufe auswirken. Unklar ist, in wie weit die Covid-19 motivierten gesünderen Lebensweisen und die umgesetzten Hygienemassnahmen auch langfristig fortgeführt werden.

· Notrecht & Deregulierung
Frau Belliger hat während der Corona Epidemie einen äusserst spannenden Wechsel zwischen restriktiven Vorgaben und umfassender Deregulierung festgestellt. Auf der einen Seite das Notrecht und die Top Down-Steuerung. Auf der anderen Seite beschleunigte Zulassungsverfahren, die Anerkennung der Telemedizin und Online Medikamentenverordnungen oder die Zusammenarbeit von bisher konkurrenzierenden Marktakteuren. Covid 19 hat eine neue Zusammenarbeitskultur gefördert und es ist spannend zu sehen, ob und wie sich diese nachhaltig etablieren wird.

· Hausarztmedizin
Die Hausarztmedizin hat während der Corona Krise einen neuen Stellenwert erhalten. Es hat sich gezeigt, wie wichtig in unsicheren Situationen der Zugang zur Primärversorgung ist. Die Zukunft wird zeigen, ob aufgrund dieser Erfahrungen neue Versicherungsprodukte mit einem «fast lane/Priortity Access» Zugang (Premium Modelle) entstehen werden.

· Digital Health (& everything)
Die Pandemie hat aufgezeigt, wie sehr die Bevölkerung von digitalen Anwendungen profitieren kann. Gesundheits-Apps, Telemedizin, aber auch das HomeOffice haben einen unglaublichen Zuwachs erhalten. Mobile E-Health Geräte haben die Medizin zu den «Menschen nach Hause» gebracht und in gewisser Weise die Informationsasymmetrie umgekehrt. Die Patienten müssen nicht mehr in die Praxis gehen, um Informationen abzuholen, sondern sie können diese einfach von zu Hause aus nützen. Es ist davon auszugehen, dass sich diese Entwicklungen fortführen werden.

· Zugang zu Medikamenten
Während der Pandemie hat sich der Zugang zu Medikamenten modernisiert. eRezept und Versandhandel konnten aufzeigen, dass sie umsetzbar und eine Medikamentenversorgung, z.B. von besonders gefährdeten Personen, sicherstellen können.

· Integrierte Lösungen
Es ist äusserst schade, dass das EPD noch nicht umgesetzt ist, da es während der Corona Krise sicherlich einen grossen Vernetzungsnutzen hätte bieten können. Generell hat die Krise gezeigt, wie wichtig vernetze Lösungen sind, aber nicht nur zwischen den Leistungserbringern, sondern auch mit den Patienten. Die Konnektivität stellt die Hauptherausforderung der kommenden Jahre dar. Aber nicht nur die technische, sondern auch die der Prozesse und Kulturen. Es ist ein neues Mindset der Zusammenarbeit notwendig.

Zum Schluss Ihres Inputs stellt Frau Belliger eine aktuelle Studie zu den Auswirkung von Covid-19 auf die digitale Gesundheitsindustrie vor (Link).

·  Alle der 513 befragten Experten erwarten eine signifikante Auswirkung auf die Versorgung, u.a.:

o   Die Digitalisierung ist ein wichtiger Teil der Pandemiebekämpfung

o   Die Akzeptanz digitaler Lösungen wird von Dauer sein

o   Telemedizin, Selbsttests, Diagnosewerkzeuge (wie z.B. Tytohome ,welches von Swica getestet wird – Link), digitale Angebote zur Förderung der psychischen Gesundheit, etc. werden zu dauerhaft eingesetzten Therapieanwendungen 

o   Regierungen sollen keine eigene/nationale IT-Gesundheitslösungen bauen, sondern aus einem aktuellen digitalen Produktportfolio, dass für sie passende auswählen.

Im anschliessenden Interview äussert sich Frau Belliger noch zu verschiedenen Themen

Was sind die wichtigsten Auswirkungen der Covid-19 Krise auf das Gesundheitswesen?
· Die Gesellschaft hat während der Krise Erfahrungen gemacht, die sie zukünftig nicht mehr missen will (vor allem im Bereich der digitalen Unterstützungsleistungen) Der Einbezug der Technik im Umgang mit Gesundheit und Krankheit wird sich verändern, vor allem im Bereich der durchgehenden, integrierten digitalen Prozesse. Es wird ein neues, gemeinsames Mindset über die Entwicklung des Gesundheitswesens geben.

Welche Chancen bietet die Entwicklung der Kommunikationsstrukturen für die Gesundheitsversorgung und im speziellen für die Integrierte Versorgung?
· Die sich bietenden Möglichkeiten sind fast grenzenlos. Die entscheidende Frage ist aber, ob man auch bereit ist diese anzunehmen? Hierfür muss die Integrierte Versorgung und die Gesundheit neu gedacht werden. Gesundheit und Krankheit sind ein Kontinuum, welches über integrierte Abgeltungsmodelle abgebildet werden müssen. Die Integrierte Versorgung legt den Fokus auf die Vernetzung der einzelnen Organisationselemente. Das Kundenbedürfnis / der Patient Value, steht heute aber noch zu wenig im Fokus. Die zukünftige Integrierte Versorgung muss sich konsequent auf dieses Bedürfnis ausrichten. Hierfür müssen Transparenz und Offenheit der Beteiligten die DNA einer zukünftigen Zusammenarbeit darstellen. Für ein solches Umfeld bieten innovative Kommunikationsstrukturen eine wertvolle Unterstützung. 

Durch das Digitale-Versorgung-Gesetz – DVG (Link) ist in Deutschland im Prinzip nun die Verschreibung einer Gesundheits-App auf Rezept möglich? Ist dies ein gutes Beispiel für die Förderung von digitalen Gesundheitsangeboten?
·Innovativ und spannend ist vor allem der neue Governance Zugang für innovative Unternehmen und Start-Ups. Gesundheits-Apps müssen durch das neue Gesetz nicht im Vorfeld eine klinische Forschung und einen Zulassungsprozess durchlaufen, sondern sie werden in der Praxis getestet. Sie werden vom zuständigen Amt auf Sicherheit, Funktionstauglichkeit, Qualität, Datensicherheit und Datenschutz geprüft und im Anschluss von den gesetzlichen Krankenversicherungen ein Jahr lang erstattet. In dieser Zeit müssen die Hersteller nachweisen, dass die App die Versorgung der Patienten verbessert.

Die Gesundheitsstrategie 2030 des Bundesrats (Link) sieht den technologischen und digitalen Wandel als eine vor vier dringlichen Herausforderungen an. Welche Empfehlungen könnten zur Förderung dieses Ziel gegeben werde?·Innovationen entstehen in Netzwerken. Diese lassen sich aber nicht Top Down entwickeln oder steuern. Will man die Entwicklung fördern, bedarf es keiner Top Down Steuerung und einer einschränkenden Regulierung. Ein spannender Ansatz können Governance Frameworks spielen (Beispiel aus der Genomforschung Link). Hier werden Richtlinien nicht von Regierungen oder Verwaltungsbehörden, sondern von relevanten Stakeholdern erarbeitet. Schlussendlich geht es darum, Geschwindigkeit in das System zu bringen, hierfür bieten diese einen Lösungsansatz.

Zukunftsbild: Wie sieht ein Praxisalltag aus, der die digitalen Möglichkeiten nutzt und dadurch einen möglichst grossen Nutzen für den Patienten schafft?
·Zu unterscheiden sind die praxisinternen und die praxisexternen Strukturen. Für beide Bereiche gilt aber, dass sie flexible, adaptive Strukturen schaffen, welche sich schnell an verändernde Rahmenbedingungen anpassen können. Praxisintern wird die Zusammenarbeit nicht mehr durch klassische direktive, hierarchische Strukturen geregelt, sondern durch selbstorganisierende und selbstbestimmte Kompetenznetzwerke (Beispiel Buurtzorg, in der Schweiz Spitex Zürich Limmat – Link). 
· Die Führung wird nicht mehr von oben direktiv bestimmen, sondern sie schafft Rahmenbedingungen, die eine möglichst grosse Entfaltung der individuellen Mitarbeiterkompetenzen ermöglichen. Praxisextern spielt vor allem die Konnektivität die entscheidende Rolle. Der Datenaustausch muss problemlos erfolgen; Prozesse sind durchgängig digitalisiert. Um dies zu erreichen muss sich aber die Kultur bzw. das Mindset der Zusammenarbeit weiterentwickeln.

Wir danken Frau Belliger für das Interview.

SAGES, soziale Arbeit im Gesundheitswesen generell und in Zeiten von Corona

Interview mit Tom Friedli (Präsident SAGES, Universitätsspital Bern, Inselspital) & Simon Süsstrunk (Vorstandsmitglied SAGES, wissenschaftlicher Mitarbeiter FHNW)

Interviewdauer: 41 Minuten

Welche Rolle und Aufgaben besitzt die klinische Sozialarbeit im Gesundheitswesen. Welche Vision und Ziele verfolgt der Fachverband SAGES und wie kann die Sozialarbeit die Integrierte Versorgung verbessern. Welche Auswirkungen hatte die Covid-19 Pandemie auf die soziale Arbeit?

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Vorstellung der Sozialen Arbeit

Eine Erkrankung bringt neben physischen, oftmals auch psychische und soziale Einschränkungen mit sich. Unter anderem kann eine gesundheitliche Einschränkung verhindern, dass die betroffene Person sich nicht mehr im notwendigen Ausmass am gesellschaftlichen Leben beteiligen kann oder die Beziehungsgestaltung erschwert ist. Die Soziale Arbeit fördert in solchen Fällen u.a. die soziale Teilhabe, nicht nur im familiären und freundschaftlichen Umfeld, sondern auch am Erwerbsleben. Ein weiteres Ziel der Sozialen Arbeit ist zudem die Sicherung des Zugangs zum Gesundheitswesen. Grundsätzlich unterstützen die Sozialarbeitenden als Expert*Innen der sozialen Dimension von Gesundheit, Betroffene und deren Umfeld bei der Bewältigung der sozialen Probleme, die aus gesundheitlichen Beeinträchtigungen entstanden sind, bzw. zu diesen geführt haben.

Eine Intervention durch die Soziale Arbeit kann auf verschiedenen Wegen erfolgen. In der Suchthilfe beispielsweise ist sie Teil der Regelversorgung. In der Psychiatrie wird die Sozialarbeit routinemässig zur professionellen Erhebung der Sozialanamnese beigezogen. Möglich ist auch, dass Sozialarbeitende von anderen Fachpersonen beigezogen werden, z.B. von der Medizin oder Pflege in einem somatischen Akutspital. Vielfach werden die Sozialarbeitenden auch auf eigenen Wunsch der Betroffenen oder deren Angehörigen für Unterstützung angefragt.

Auch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen die Notwendigkeit des Einbezugs der sozialen Dimension. So zeigen z.B. Forschungen im Bereich von chronischen Schmerzrehabilitationsprogrammen, dass der angestrebte Outcome nur dann nachhaltig gesichert werden kann, wenn das Erreichte nach dem Programm durch das gesamte soziale Umfeld mitgetragen wird. 

Vision und Ziele von SAGES – Schweizerischer Fachverband Soziale Arbeit im Gesundheitswesen (https://www.sages.ch/

SAGES – Schweizer Fachverband Soziale Arbeit im Gesundheitswesen – wurde 2017 für die Erreichung folgender Ziele gegründet:

· Die klinische Sozialarbeit soll bekannt gemacht, besser etabliert und langfristig im Gesundheitsberufegesetz verankert werden. 

· Die klinische Sozialarbeit soll für andere Gesundheitsprofessionen und Behörden die etablierte Ansprechpartnerin zu Fragen der sozialen Dimension von Gesundheit und Krankheit sein.

· Die Finanzierung der Sozialen Arbeit im Gesundheitswesen soll in allen Kantonen gesichert und gesetzlich geregelt sein. 

· SAGES soll Grundlagen- und Praxisforschungsprojekte unterstützen und einen Beitrag zur Evidenzforschung der Sozialarbeit leisten. 

· SAGES soll Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen und dafür sorgen, dass die klinische Sozialarbeit in der Gestaltung der Gesundheitsversorgung einen festen Platz erhält.

Bzgl. der gesetzlichen Verankerungen führt Herr Friedli im Interview aus, dass in vielen Kantonen die Sozialarbeit, z.B. im Spital, gesetzlich nicht verankert ist. In Zeiten von kantonalen Budgetkürzungen, werden dann oftmals die Mittel für die Sozialarbeit gekürzt. Dadurch wird die Bearbeitung der sozialen Dimension von Krankheit erheblich erschwert, was sich negativ auf die Nachhaltigkeit medizinischer Interventionen auswirkt.

Wie kann die Sozialarbeit die Zusammenarbeit unterschiedlicher Leistungserbringer, in Sinne der integrierten Versorgung unterstützen?

Der Erfolg einer integrierten Versorgung ist für Herrn Süsstrunk auch abhängig vom erweiterten Verständnis der Gesundheit. Es ist mittlerweile durch Wissenschaft und Praxis gut belegt, dass soziale Faktoren Einfluss auf die Gesundheit haben und umgekehrt. So zeigen sozialepidemiologische Untersuchen, dass Personen mit einem tiefen sozioökonomischen Status häufiger an verschiedenen Erkrankungen leiden, wie z.B. Herzkreislauf-Probleme, Diabetes und Krebs.

Wenn die Expertise der Sozialen Arbeit im Rahmen einer integrierten Versorgung systematisch einbezogen wird, können die sozialen Faktoren fundiert bearbeitet werden und so ihren Teil zur Stabilisierung und Linderung der Situation von gesundheitlich beeinträchtigten Personen beitragen. Hierdurch können die weiteren Leistungserbringer unterstützt werden.

Vor welchen Herausforderungen steht die integrierte Versorgung und wie kann die Sozialarbeit helfen, diese zu meistern?

Die grosse Herausforderung für die integrierte Versorgung sieht Herr Süsstrunk in der Organisation und Koordination der verschiedenen Leistungen. Einerseits betrifft dies die inhaltliche Frage, wie alle relevanten Leistungen erkannt, geleistet und koordiniert werden können. Andererseits ist häufig die Zuständigkeit innerhalb des Betreuungsprozesses unklar. Die Sozialarbeitenden können bei der Bewältigung dieser Probleme unterstützen, da sie damit vertraut sind, alle relevanten Stakeholder in einen Fallprozess zu integrieren und zusätzlich noch den Bezug mit der individuellen Lebenslage der Patientinnen herstellen. Im Rahmen einer solchen Zusammenarbeit könnte die integrierte Versorgung den Anforderungen an eine umfassende patientenzentrierte Versorgung gerecht werden.

Bestehen erfolgreiche Integrierten Versorgungsmodelle unter Einbezug der Sozialarbeit?

Erst vor wenigen Wochen hat SAGES den neuen Fachbereich «Soziale Arbeit in der Arztpraxis» gegründet. Der Fachbereich unterstützt Ärztinnen, Ärzte und Sozialarbeitende bei der Umsetzung der Sozialen Arbeit in der Arztpraxis und fördert den Austausch von Wissen und Erfahrungen aller Beteiligten. Mit dem neuen Fachbereich reagiert SAGES auf ein Bedürfnis von Seiten der Ärzteschaft. Diese sind oftmals als erste mit sozialen Problemen von Patient*Innen konfrontiert. Das Wissen, wie bei gesundheitsbedingten sozialen Problemen geholfen werden kann, ist aber auf Seite der Ärztinnen und Ärzte oftmals nicht im benötigten Ausmass vorhanden.

An der Berner Fachhochschule wird hierzu ein Forschungsprojekt durchgeführt (Link). In anderen Ländern sind Sozialarbeitende bereits in der Arztpraxis tätig. In der Schweiz fehlt derzeit dieses Angebot. Das Forschungsprojekt untersucht die Umsetzung und die Auswirkung dieser integrativen Zusammenarbeit.

Ein wichtiger Grund warum es bisher in der Schweiz nicht gelungen ist, eine Zusammenarbeit zwischen ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzten, sowie der Sozialarbeit zu intensivieren, liegt in der derzeit vielerorts fehlenden Abrechenbarkeit der erbrachten Leistung der Sozialarbeit. 

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die Arbeit von Sozialberatenden im Gesundheitswesen und auf ihre Klienten?

Die Auswirkungen der Covid 19 Pandemie hatte auch auf die Sozialarbeitenden gravierende Auswirkungen: 

· Home-Office Zwang mit der Schwierigkeit der Vertrauensbildung im «Distanz-Modus».

· Betreuung von Risikopatienten in einer Situation hoher Unsicherheit über die Auswirkung des Virus.
 Auch für das Klientel hatte die Covid-19 Pandemie gravierende Auswirkungen:

· Viele Klienten sind telefonisch nicht oder nur schwer erreichbar.

· Verschiedene Angebote, z.B. im Bereich der Suchthilfe wurden gänzlich eingestellt.

· Tagesstrukturangebote, welche durch den dort stattfindenden sozialen Austausch für Betroffene mit        Abhängigkeitserkrankungen eine wichtige Säule der Krankheitsbewältigung darstellen, mussten geschlossen werden.

· Besichtigungsverbote verhinderten den Übertritt in Wiedereingliederungs- und Nachsorgeinstitutionen.

Was hat den Sozialarbeitenden geholfen, die Herausforderungen der Corona-Pandemie zu meistern?

Hier sind vor allem drei Aspekte zu nennen:

· Die Sozialarbeitenden sind es gewohnt mit komplexen und ungewohnten Situationen umzugehen.

· Die Sozialarbeitenden sind es gewohnt vernetzt zu arbeiten und bei Bedarf neue Kooperationen einzugehen, damit die    notwendigen Leistungen weiterhin erbracht werden können.

· Geholfen haben der Sozialarbeit die klaren Anweisungen des Bundesrates. Es hat sich dadurch nicht mehr die Frage    gestellt, was zu tun ist, sondern nur noch wie es umgesetzt werden soll.

Was können wir aus der Covid-19 Pandemie für die Integrierte Versorgung lernen? 

Die Bewegungseinschränkungen durch Covid-19, sprich das «Social Distancing» lassen uns alle gerade erleben, wie wertvoll das soziale Umfeld ist und wie herausfordernd es ist, auf dieses zu verzichten. Es besteht daher die Hoffnung, dass innerhalb der Gesundheitsversorgung ein nachhaltiges Bewusstsein, für die Wichtigkeit der sozialen Dimension der Gesundheit entsteht.

Wir danken Herrn Friedli und Herrn Süsstrunk für das Interview. 

Telemedizinische Versorgung in der Covid-19 Krise und darüber hinaus

Interview mit PD Dr. Oliver Reich, Leiter santé24

Interviewdauer: 35 Minuten

Welche Auswirkungen hatte die Covid-19 Pandemie auf santé24, das telemedizinische Versorgungszentrum der Swica? Welche Rolle nimmt die Telemedizin in der integrierten Versorgung ein und was sind die Besonderheiten von santé24 und der Kooperation mit Swica?

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Vorstellung von santé24

santé24 ist das telemedizinische Versorgungszentrum der Swica. Mit einem interdisziplinären Team von ca. 100 Mitarbeitern aus verschiedenen medizinischen und therapeutischen Fachspezialitäten bietet santé24 den Swica Versicherten eine 24/7h, ortsunabhängige und kostenlose telemedizinischen Beratung und Behandlung an. Die über die Beratung hinausgehende medizinische Behandlung im Rahmen der Akutversorgung, z.B. die Beauftragung einer Laboruntersuchung oder einer Bildgebung, ist dank der Betriebsbewilligung im Kanton Zürich möglich.

Swica besitzt als einzige Krankenversicherung mit santé24 ein eigenes telemedizinisches Zentrum. Die Organisationen sind eigenständig um u.a. dem Schutz der Patientendaten zu gewährleisten. Wie bei einer «klassischen Arztpraxis» existiert auch zwischen Swica und santé24 kein Austausch von medizinischen Behandlungsdaten. Gemeinsam ist ihnen die Versorgung der Swica-Versicherten; vereinfacht gesagt: Swica kümmert sich um die Versicherungsaspekte, santé24 um die medizinischen Aspekte der gemeinsamen Versicherten und Patienten. 

Santé24 und Covid-19

Aus Sicht von Herrn Reich stand santé24 vor allem an Anfang vor folgenden drei Herausforderungen:

  • Das grosse Unwissen über den Covid-19 Virus
  • Die Sicherheit der eigenen Mitarbeit zu gewährleisten
  • Die 24/7h Betrieb von santé24 aufrechterhalten, ohne spürbare Einschränkungen für die Anrufer

Was hat santé24 unternommen, um die Covid-19 Auswirkungen zu bewältigen? 

Bereits Anfang März hat innerhalb von santé24 eine Covid-19 Reorganisation stattgefunden. Es wurden Strukturen für ein Homeoffice, wie auch die Umsetzung der Hygiene- und Schutzmassnahmen innerhalb der Standorte vorangetrieben und Dienstpläne entsprechend angepasst. Folgende weiteren Massnahmen unterstützen santé24 bei der Bewältigung der Covid-19 Auswirkungen:

  • Nutzung digitaler Technologie
    • Einrichtung einer Care-Line für Patienten in häuslicher Insolation – Tägliche Kontaktaufnahme und Abklärung der psychosozialen und medizinischen Umstände
    • Einführung eines Online-Selbsthilfetrainings bei Covid-19 bedingten psychischen Leiden – Befindlichkeitsabklärung und psychotherapeutische Unterstützung bei entsprechendem Bedarf
  • Förderung der evidenzbasierten Prävention
    • Entwicklung eines Systemfragebogen zu Covid-19 – Reduzierung der Unsicherheit und einfachere Triage für die Telemedizin –Grundlage bildeten die BAG Empfehlungen sowie der nützliche Newsletter der EKRM (Newsletter Anmeldung hier)
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit
    • Start einer Kooperation mit dem Covid-19 Testbus (Weitere Informationen hier) in Bern

Erfreut berichtet Herr Reich auch noch, dass sich bei santé24 immer wieder Ärzte und andere Medizinalpersonen gemeldet haben und ihre Unterstützung bei der telemedizinischen Versorgung angeboten haben, da ihre Praxen, z.B. Augenärzte oder Orthopäden, wenig ausgelastet waren.

Die Rolle von santé24 in der integrierten Versorgung

Die Telemedizin ist für Herrn Reich ein Bestandteil einer guten und optimalen medizinischen Versorgung, immer in Absprache mit weiteren Leistungserbringern. Die Rolle von santé24 innerhalb der integrierten Versorgung leitet sich auch aus der Swica Strategie ab. Diese basiert auf drei Säulen – Gesund bleiben, Gesund werden, mit Einschränkungen gut leben. Santé24 wirkt bei der Erarbeitung einzelner Angebote mit, bringt medizinische Expertise ein und setzt Massnahmen um. Gemäss Herrn Reich zeigt sich gerade hier der grosse Vorteil der Swica/santé24 Organisation. Beide Seiten kennen sich, haben ein gegenseitiges Vertrauen und setzen sich für ihre Patienten gemeinsam ein. Die Integrierte Versorgung wird innerhalb dieses Systems bereits gut gelebt.

In der Zukunft sieht Herr Reich verschiedene interessante neue Dienstleistungen und Akteure. Er ist überzeugt, dass sich Digitalhealth und die virtuelle Patientenversorgung weiterentwickeln und etablieren werden. So werden z.B. bei Kaiser Permanente in Kalifornien bereits 50% der Konsultationen, ohne Qualitätseinbussen, virtuell durchgeführt. Um die Telemedizin dabei zu unterstützen, testet Swica aktuell in 2'000 Haushalten ein Diagnostikgerät, welche dazu beitragen soll, den santé24 Ärzten zusätzliche Informationen für eine präzisere Diagnostik zur Verfügung zu stellen (weitere Informationen hier)

Was können wir aus der Covid-19 Pandemie für die Integrierte Versorgung lernen? 

Für Herrn Reich sind Krisen immer auch ein Innovationstreiber. Er erhofft sich drei «Learnings» aus Covid-19

  • Schnellere Verbreitung und Durchsetzung der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Die Schweiz hinkt hier der internationalen Entwicklung deutlich hinterher (weitere Informationen hier).
  • Etablierung der virtuellen Versorgung als Ergänzung zur klassischen medizinischen Versorgung.
  • Gesundheit ist nicht nur Medizin. Es sind vermehrt auch soziale, psychische und finanzielle Aspekte zu berücksichtigen.

Wir danken Herrn Reich für das Interview.

Covid-19, Spitex und Auswirkungen auf die integrierte Versorgung? 

Interview mit Christina Brunnschweiler,
CEO Spitex Zürich Limmat AG

Interviewdauer: 24 Minuten

Wie hat die Spitex Zürich Limmat die Betreuung der Risikopatienten während der Covid-19 Pandemie sicherstellen können? Welche Aufgaben übernimmt die Spitex bei der Behandlung von Betagten, mehrfach und chronisch kranken Patienten? Welche Rolle nimmt die Spitex in der integrierten Versorgung ein?

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Vorstellung der Spitex

Frau Brunnschweiler ist CEO der zweit grössten Spitex Organisation in der Schweiz. Die Spitex besitzt eine zentrale Schlüsselrolle in der Versorgung von hochbetagten, chronisch und mehrfach kranken Menschen. Sie arbeitet interprofessionell und bezieht das ganze Umfeld der Patienten mit ein, d.h. u.a. die Angehörigen, die ambulanten, stationären und pharmazeutischen Leistungserbringer, die Therapeuten und die verschiedenen Sozialbehörden. Den weit mehr als 300'000 Patienten bietet die Spitex neben der bekannten Pflege, auch vielfältige Unterstützung im Alltag sowie Beratungs- und Präventionsleistungen an.

Spitex Zürich und Covid-19

Frau Brunnschweiler äussert sich zufrieden über die Bewältigung der Covid-19 Auswirkungen. Die Spitex Zürich Limmat stand vor allem vor folgenden Herausforderungen: 

  • Sicherstellung der Fortführung der häuslichen Betreuung, um diese Patienten von den überlasteten Spitälern fern zu halten
  • Bereitstellen von ausreichend Schutzmaterialien für das Personal
  • Kommunikation und Information der Patienten, sowie des Personals über die Auswirkungen und den Umgang mit Covid-19

Was hat Spitex Zürich Limmat unternommen, um die Covid-19 Auswirkungen zu bewältigen? 

  • Nutzung digitaler Technologien:
    • Pandemie-Mailbox: Rückmeldung innerhalb von 30 Minuten. Hierdurch konnten bestehende Ängste und Unsicherheiten aufgenommen und beantworten werden
    • Spitex App: Diese erleichtert die Koordination des Personals. Die Daten konnten auch im Krisenstab mit der Stadt Zürich und dem Zivilschutz genützt werden
    • Telefonkonferenz: Was früher nicht denkbar war, wurde zu Realität und schnell geschätzt
  • Interdisziplinäre Zusammenarbeit
    • Up-Date des bereits vorhandenen Pandemieplans mit der Stand Zürich und dem Zivilschutz
    • Integrierte Versorgung: Verstärkte Absprachen über die ganze Behandlungskette (häusliche Betreuung, im Spital, im Alten- und Pflegeheim) zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses und Klärung der Fachkompetenz und Zusammenarbeit

Kritisch äussert sich Frau Brunnschweiler über den anfangs sehr stark ausgerichteten Fokus auf die Spitäler. Die wichtige Rolle der Spitex, sowie der Alten- und Pflegeheime zur Entlastung der Spitäler wurde vernachlässigt. Im weiteren Pandemie-Verlauf konnte die Spitex gut aufzeigen, wie wichtig ihre Schlüsselfunktion für die Betreuung der Risikopatienten ist und zukünftig weiterhin sein wird.

Die Rolle der Spitex in der integrierten Versorgung

Frau Brunnschweiler versteht die Spitex als Grundversorger Plus, vor allem für hochbetagte und mehrfach Erkrankte. Für diese Patienten übernimmt die Spitex der Koordination der Lebenswelt, auch in den informellen Netzwerken.

Die Digitalisierung und die Kommunikation werden die Spitex in den nächsten Jahren vor Herausforderungen stellen. Diese Entwicklungen wird auch die Definition, wer in welcher Situation die Koordination der Patienten übernimmt, hin zu einer situationsbezogenen Fallverantwortung verändern.

Von der Politik wünscht sich Frau Brunnschweiler eine Unterstützung bei der Förderung von digitalen Anwendungen, welche für den Patienten tatsächlich nützlich sind. Ferner sollte das heutige Einzelleistungsvergütungssystem zu einem pauschalen Vergütungssystem weiterentwickelt werden.

Was können wir aus der Covid-19 Pandemie für die Integrierte Versorgung lernen? 

Nach Ansicht von Frau Brunnschweiler zeigte die Pandemie sehr gut auf, welche Vorteile die patientenorientierte Zusammenarbeit bietet. Die Entwicklung von gemeinsam erarbeiteten Patientenpfaden schafft Vertrauen, gegenseitige Anerkennung und stiftet einen hohen Nutzen für das Gesundheitswesen.

Wir danken Frau Brunnschweiler für das Gespräch

Anmerkung: In der Videopräsentation wurde die Position von Frau Brunnschweiler nicht vollständig angegeben. Frau Brunnschweiler ist CEO der Spitex Zürich Limmat AG

Kommunale Netzwerke, Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe in Zeiten von Corona

Interview mit Maximiliane Basile, 
CEO Five Up Community AG

Interviewdauer: 33 Minuten

Welche Auswirkungen hatte die Covid-19 Pandemie auf die Nachbarschaftshilfe und die Freiwilligenarbeit? Welche Rolle kann die Nachbarschaftshilfe in der integrierten Versorgung einnehmen und wie kann Five Up diese unterstützen?

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Vorstellung von Five up?

«Five up» ist eine digitale Plattform, über welche kommunale Netzwerke, Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe einfach organisiert werden können. Im Vergleich zum traditionellen System mit Anmeldeanträgen und Listen bietet «Five up» einfache Funktionen zum Vernetzen und «Matchen» von Angebot und Bedarf in jeglicher Form des freiwilligen Engagements. Die Trägerschaft von «Five up» bilden momentan das Schweizerische Rote Kreuz, die Schweizerische Gemeinnützigen Gesellschaft sowie Apps with Love.

Five up und Covid-19?

«Five up» hat durch die Corona-Pandemie einen enormen Zulauf erhalten. Frau Basile erläutert, dass sich während dieser Zeit 60'000 Neu-User registriert haben. Das bestehende technologische System konnte diesen Ansturm aber gut bewältigen. Dank dem Push in der Nutzung kann «Five up» nun weiterentwickelt werden, ab sofort steht zudem auch eine Web-Version von «Five up» zur Verfügung.

Viel Arbeit bereitete zu Beginn des Lockdowns die Unmengen an Fragen zur App und zum Umgang mit Covid-19. Während der Pandemie besonders nachgefragt waren Botengänge z.B. in die Apotheke oder Einkaufen und Fahrdienste für Spitäler. Gerade letzter wurde vor der Pandemie mehrheitlich von älteren Personen angeboten. Diese sind durch ihr Risikoprofil aber nun kurzfristig ausgefallen und mussten durch jüngere Personen ersetzt werden.

Vermitteln konnte «Five up» auch psycho-soziale Unterstützungen, z.B. durch Geschichten vorlesen. Dies trugt auch zur Verhinderung einer weiteren Vereinsamung von Personen während der Pandemie-Isolation bei. 

Die Rolle von Five Up in der integrierten Versorgung?

«Five up» bietet der Gesundheitsversorgung ein einfaches Tool, eine Schnittstelle sozusagen zur breiten Bevölkerung. Leistungserbringer, wie Ärzte, Ärztenetze, Spitäler, Therapeuten etc., können ihren Patienten mit «Five up» eine einfache Lösung anbieten, wie Privatpersonen sich lokal Unterstützung organisieren können. Die Koordination und das Matching der Bedürftigen und der Freiwilligen wird durch die «Five up» App vereinfacht und so der Organisationsaufwand deutlich reduziert. Die Qualifizierung der Freiwilligen übernimmt entweder direkt die bedürftige Person, oder die Koordinationsstelle eines lokalen Netzwerks. Auf «Five up» können auch geschlossene Netzwerke erstellt werden, in welchen sich nur qualifizierte Personen befinden. «Five up» kann keine Haftung für die Freiwilligen und deren Leistung übernehmen.

Auf Anfrage bietet «Five up» auch Integrationen und Schnittstellen zu CRM-Systemen von Organisationen an.

Was können wir aus der Covid-19 Pandemie für die Integrierte Versorgung lernen? 

Für Frau Basile hat die Covid-19 Pandemie aufgezeigt, dass neue digitale Tools eine vielfältige Unterstützung in den Prozessen bieten können und dass ein grosser Teil der Bevölkerung positive Erfahrungen damit gemacht hat. Sie erhofft sich dadurch eine zunehmende Offenheit im Hinblick auf die Möglichkeiten der digitalen Tools und nicht nur die Fokussierung auf die Veränderungen zum bestehenden System.

Die Integrierte Versorgung bedeutet für Frau Basile auch eine Koordination in einem informellen Netzwerk. Hier können digitale Tools wie «Five up» helfen, diesen informellen Teil besser zu koordinieren und so eine Ergänzung zu den Dienstleistungen von Spitex und Co bieten.

Wir danken Frau Basile für das Interview.

Medbase in der Covid-19 Krise und darüber hinaus? Beitrag zur Integrierten Versorgung?

Interview mit Karl Metzger, COO Medbase Gruppe

Interviewdauer: 41 Minuten

Welche Auswirkungen hatte die Covid-19 Pandemie auf Medbase. Welche Rolle nimmt Medbase in der Integrierten Versorgung ein? Welche Strategie verfolgt Medbase und welche Zusammenarbeit/Synergien bestehen mit der Migros, dem Mutterkonzern?

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Vorstellung von Medbase

Vor rund 20 Jahren stand am Anfang der Medbase eine physiotherapeutische Dreierpraxis in Winterthur. Heute ist Medbase mit 100 Point of cares (über 50 Medical Center, über 40 Apotheken) die grösste ambulante medizinische Dienstleisterin der Schweiz. Die Medbase bietet ihren Patientinnen und Patienten ein in der Schweiz einmaliges integriertes Versorgungsangebot an. Ausgangspunkt für das mittlerweile vertikal integrierte Versorgungssystem sind die ambulante Gesundheitsangebote und die Verknüpfung mit vorgelagerten (Prävention) und nachgelagerten (Rehabilitation) Bereichen. Ergänzt durch regionale Kooperationen versucht Medbase einen wesentlichen Beitrag für eine qualitativ hochstehende und wirtschaftlich nachhaltige Gesundheitsversorgung zu leisten. In seiner Präsentation stellt Herr Metzger u.a. folgende integrative Modelle kurz vor:

  • Integrationslösung am Beispiel medizinische Trainingstherapie
  • Integrationslösung mit Spitälern an Beispielen in Luzern im Bereich der Orthopädie & Traumatologie, in Zürich im Bereich der Dialyse
  • Integrationslösung am Beispiel ambulante Chirurgie
  • Integrationslösung am Beispiel Medizin und Pharmazie.

Heute ist die Medbase Gruppe eine Tochtergesellschaft der Migros. Die Migros setzt sich zum Ziel, die Gesundheit umfassend zu betrachten und bietet der Schweizer Bevölkerung Angebote im Bereich der Bewegung, der Ernährung, der Entspannung und der Gemeinschaftsaktivitäten an. Mit Medbase deckt sie zusätzlich die Bereiche Medizin, Therapie und Pharmazie ab, welche neben den physischen Angeboten durch die Telemedizin und Digital Health Angeboten unterstützt werden.

Die Rolle von Medbase in der integrierten Versorgung

Medbase hat sich das Ziel gesetzt, einer der führenden integrativen Gesundheitsanbieter im Schweizer Gesundheitswesen zu werden. Die interprofessionelle Zusammenarbeit ist dabei zentral und bietet nicht nur für die Patienten den grossen Vorteil einer ganzheitlichen Behandlung, sondern macht auch die Arbeit für das Team spannender (Teammedizin). Dabei können auch Gesundheitsfachpersonen neue Aufgaben übernehmen. Erste Erfahrungen werden aktuell mit Clinical Nurses (APNs) gesammelt. Die APNs werden sowohl für leichte akute Fälle, wie auch für die Langzeitbetreuung von chronisch kranken Patienten, die gemäss definiertem medizinischem Konzept betreut werden müssen, mit bisher gutem Erfolg eingesetzt. Darüber hinaus bietet Medbase ihren Patienten ergänzende Angebote, wie die Telemedizin und Digital Health Angebote an. Aktuell baut Medbase daher auch das telemedizinische Angebot aus. Durch das In-House Angebot steht den telemedizinischen Mitarbeitern die bisherige Krankengeschichte der Patienten zur Verfügung und erlaubt dadurch eine sehr gute Bedarfsabklärung, speziell für Patienten, die keine dringliche physische Untersuchung benötigen. In der Physiotherapie wird ein Physio.coach- Tool eingesetzt, welches die Patienten zu Hause, in enger Abstimmung mit den Physiotherapeuten, bei ihren Therapieübungen indikationsbezogen unterstützt. 

Auch für die Medbase stellt sich die Frage der Finanzierung der integrativen Versorgungsleistungen. Da ihnen dieselben Tarife wie anderen Leistungserbringern zur Verfügung stehen, setzen sie vermehrt auf Integrierte Versorgungsverträgen mit den Versicherern. Mittweile betreut die Medbase gut 170'000 Managed Care Versicherte. Medbase hat in der Zusammenarbeit mit den Versicherern gute Erfahrungen gemacht. Diese sind grundsätzlich an koordinierten und innovativen Versorgungsleistungen interessiert und im Rahmen der bestehenden Partnerschaften ist es möglich, auch neue integrative Versorgungskonzepte zu entwickeln und umzusetzen.

Medbase und Covid-19

Die Covid-19 Pandemie, verbunden mit den Ausgangsbeschränkungen und den Schutzmassnahmen, hat auch Medbase stark beansprucht. Innerhalb kurzer Zeit forderte die Pandemie von Medbase eine erhöhte Leistungsbereitschaft, mehr Flexibilität und das bei reduzierten personellen Ressourcen. Durch ein gut organisiertes Krisenmanagement, dezentraler Verantwortlichkeit in enger Abstimmung und Anbindung an die Medbase-Zentrale konnten diese Herausforderungen sehr gut gemeistert werden. Hilfreich war auch die Anbindung an die Migros, vor allem im Bereich der Logistik.

Die Pandemie hat aber auch zu neuen Prozessen und Partnerschaften geführt. Medbase Physiotherapeuten konnten zum Beispiel als unterstützende Kuriere für die Patientenbetreuung eingesetzt werden, Ärzte haben in kantonalen Corona-Abstrichzentren ausgeholfen. Zudem wurde das neu erarbeitete Schutzkonzept auch externen Leistungserbringern weitergegeben um diese zu unterstützen und zu entlasten.

Kritisch äussert sich Herr Metzger über die starke mediale Fokussierung auf den stationären Sektor. Gerade die Krise hat gezeigt, dass die ambulanten Strukturen das Fundament der medizinischen Versorgung in der Schweiz darstellen und dass diese essentiell zu einer Entlastung der stationären Einrichtungen beigetragen haben.

Was können wir aus der Covid-19 Pandemie für die Integrierte Versorgung lernen? 

Die Pandemie hat aufgezeigt, dass sich die Integrierte Versorgung nicht nur auf das Chronic Care Management fokussieren soll. Auch in der Akutversorgung – wie die Covid-19 Infektionskrankheit zeigt – ist ein grosses Potential durch eine koordinierte, sektorenübergreifende Versorgung vorhanden.

Die Prävention steht innerhalb der medizinischen Versorgung bisher meistens im Hintergrund. Die Pandemie hat eindrücklich aufgezeigt, wie wichtig ein präventiver Ansatz ist und Herr Metzger geht davon aus, dass die Prävention zukünftig wieder eine höhere Bedeutung erhalten wird.

Ebenfalls hat die Pandemie aufgezeigt, dass eine Patientenversorgung auch über die Distanz möglich ist, vor allem wenn die Vorgeschichte des Patienten bekannt ist. Für die Integrierte Versorgung sollte dies zur Konsequenz haben, dass sie neben der Förderung der Interprofessionalität, auch die weitere Entwicklung der Digitalisierung unterstützen muss.

Wir danken Herrn Metzger für das Interview.

Wir bitten die unscharfe Bildqualität der Präsentation und die technischen (internetbedingten) Störungen zu entschuldigen. Sie finden die Präsentation in einer guten Auflösung als PDF.

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